Wir sind nicht zum ersten Mal hier auf Rügen. Damals 1992 war das meine erste Reise in das Gebiet der ehemaligen DDR. In Erinnerung geblieben sind mir Bilder einer wilden, ungezähmten Kreideküste, viele graue und heruntergekommene Häuser und eine verbogene Vorderradaufhängung an unserem Auto. Als straßenbautechnisch verwöhnter Westler hatte ich mir einfach nicht vorstellen
können, dass mitten auf einer Hauptstraße ein Schlagloch von der Tiefe eines Vulkankraters klafft. Völlig ohne Warnschild und Absperrband.

Mein erster Eindruck: die Straßen auf Rügen sind in den vergangenen 25 Jahren deutlich besser geworden. Obwohl, wer das Abenteuer sucht, kann es noch finden. Da reicht ein Fehlgriff ins Handschuhfach. Statt einer aktuellen Landkarte erwische ich die Ausgabe von 1992 – und merke es nicht. Meine Lebens- und Reisegefährtin Marita sieht mich zwar etwas zweifelnd an, als ich sie bei Polkvitz auf die „Landstraße“ nach Sagard lotse, denn die Fahrbahn wirkt doch ziemlich schmal. Aber sie fährt weiter, bis aus dem Sträßchen eine grob gepflasterte Allee wird, die gerade noch so für den zwei Meter breiten Eriba Platz lässt. Die Bäume rechts und links müssen Jahrhunderte alt sein. Sie überragen unser Gespann um zig Meter. Aber wenn es um den Altersrekord geht, dürfte der Straßenbelag als klarer Sieger hervorgehen. Hier bewegen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes auf historischem Pflaster.

Für Auto und Wohnwagen wird es zum ultimativen Rütteltest, den beide mit Bravour bestehen. Wir beschränken uns allerdings auf Schritttempo. Für die beiden Radwanderer, die uns entgegenkommen, ist aber selbst das noch zu schnell. Aus der Ferne beobachten wir ihre vergeblichen Versuche, zwischen den unebenen Pflastersteinen eine Spur zu finden, die irgendwie mit einem Zweirad befahrbar wäre. Schließlich steigen sie ab und suchen auf der Landkarte nach einem anderen Weg. Als wir an ihnen vorbeiholpern, bekommen wir ein ermunterndes Lächeln.

Wer eine aktuelle Straßenkarte verwendet, ist jedoch vor solchen Überraschungen gefeit. Es gibt zwar immer mal wieder Abschnitte mit Kopfsteinpflaster. Das befindet sich aber, selbst wenn es schon über hundert Jahre alt ist, immer in einem sehr guten Zustand. Die Steine sind glatt und Schlaglöcher gibt es auch keine. Allerdings schüttelt es die Autos, vor allem bei schnellerer Fahrt, heftig durch. Da wir besonders oft in Ortsdurchfahrten auf Pflastersteine stoßen, liegt der Verdacht nahe, dass es sich hier um ein höchst effektives und preisgünstiges Verfahren zur Verkehrsberuhigung handelt.

Eines unserer ersten Ziele 1992 war der Königsstuhl. Ein Felsvorsprung der Kreideküste im Nationalpark Jasmund. Ich erinnere mich dunkel an einen kleinen Mann im Rentenalter, der mit einer Blechkassette auf einem Holzstuhl vor dem Zugang zum Königsstuhl saß und irgendetwas in der Größenordnung von fünfzig Pfennigen als Eintritt kassierte.

Allerdings fanden wir die Aussicht vom Königsstuhl, im Vergleich zu dem, was der acht Kilometer lange Hochuferweg nach Sassnitz an Ausblicken bot, eher enttäuschend. Trotzdem ist der Königsstuhl eines der Top-Touristenziele auf Rügen. Der Andrang ist so groß, dass die Straße dorthin tagsüber gesperrt wird. Von einem Großparkplatz etwas außerhalb verkehren Pendelbusse. Und auch am Königsstuhl hat sich einiges verändert. Ein Nationalpark-Zentrum wirbt mit dem – Zitat – ganz besonderen Naturerlebnis bei jedem Wetter. Eintritt pro Nase: 8,50 Euro. Wer nur auf den Königsstuhl will, muss auch den vollen Preis bezahlen.

Wir ziehen das Live-Naturerlebnis der Ausstellung im Naturpark-Zentrum vor und machen uns auf die Wanderung Richtung Sassnitz. Am Kieler Wasserfall steigen wir über eine Treppe zum Ufer hinab, entscheiden uns aber dagegen, den Rest der Wanderung am Strand fortzusetzen. Erstens ist das Laufen mit schwerem Gepäck auf dem steinigen Untergrund ziemlich mühevoll. Zweitens hat es in den letzten Tagen ergiebig geregnet und das macht den Aufenthalt unter den zum Teil fast hundert Meter hohen Kreidefelsen nicht ganz ungefährlich. Kreide-Fels klingt zwar solide. Aber die Kreideküste ist alles andere als das. Jährlich gehen etwa 20 Zentimeter Küstenlinie durch Erosion verloren. Die meisten Abbrüche geschehen zwar an frostigen Wintertagen. Aber auch in nassen Sommern rauschen schon mal ein paar hundert Kubikmeter Kreide in die Tiefe.

2017-01-31T14:31:35+00:00 Reise, Reiseberichte|Kommentare deaktiviert für Das Sylt des Ostens