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Reise ins Ahrtal

An jeder Ecke gibt es Wein

Mit dem Caravan-Gespann ins Ahrtal – das klingt zunächst beschaulich, aber lassen Sie sich überraschen.

Der parkt aber selten intelligent“, bemerke ich zu Marita, meiner Lebens- und Reisegefährtin. Gemeint ist ein schwarzes Mercedes-Coupé, tiefergelegt, verspoilert und mit reichlich Zuckerguss verziert, das die einzige Gespann-Wendemöglichkeit weit und breit blockiert. Ich mustere den Wagen mit einem langen Blick und fahre dann weiter. Ob jemand hinter dem Steuer sitzt, lässt sich durch die getönten Scheiben nicht erkennen.

Die Straße führt schließlich auf eine altertümliche und sehr schmale Steinbrücke zu. Der Eriba ist zwar nur zwei Meter breit. Aber das sehen wir uns besser erst mal zu Fuß an. Ich parke halb in der Botanik, um den Weg nicht komplett zu blockieren. Aussteigen kann ich allerdings nicht, denn neben uns hält gerade das Coupé. Der Fahrer lässt die rechte Seitenscheibe in der Tür verschwinden. Ich kurbele das Fenster herunter. Eine Wolke von Parfüm und von noch etwas, das ich seit über 30 Jahren nicht mehr gerochen habe, strömt zu uns herein.

Der Mann hinterm Steuer trägt ein Jackett zu schwarzen Jeans. Die Ärmel sind hochgekrempelt, die Arme tätowiert. Auch unter seinem Kragen schauen Tätowierungen hervor. „Sucht ihr was Bestimmtes?“, fragt er. „Ja, ein gutes Fotomotiv“, antworte ich ihm. „Und sonst braucht ihr nichts?“

Eine passende Antwort liegt mir auf der Zunge, aber ich kann mich gerade noch beherrschen. Unhöflichkeiten scheinen mir hier nicht angebracht. Der Typ ist locker 20 Jahre jünger als ich. Und trotz seiner Freundlichkeit; der kann bestimmt auch anders. „Nein, sonst brauchen wir nichts, danke!“ Die Seitenscheibe des Coupés gleitet wieder nach oben und der Wagen braust über die Brücke davon.

Wir sind unterwegs im Ahrtal, einem Seitental des Rheins, das auf der Höhe von Remagen und Sinzig beginnt und sich weit bis in die Eifel hineinzieht. Bewusstseinserweiternde Mittel werden hier, zumindest im unteren Ahrtal, an jeder Straßenecke angeboten. Allerdings handelt es sich dabei um vergorenen Traubensaft, landläufig auch als Wein bekannt. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass der tätowierte Herr keine Musterkollektion der Jahrgänge 2013 und 2014 im Kofferraum hatte.

Die Begegnung lässt mich im Nachhinein schmunzeln. Die Mercedes-Heckflosse, wie wir sie fahren, war, bevor sie zum Oldtimer wurde, das Lieblingsfahrzeug einer gewissen Szene. Und das haben manche bis heute nicht vergessen. Allerdings hat man mir noch nie in so einer idyllischen Umgebung derartige Offerten gemacht, an einem Ort, der – zumindest auf den ersten Blick – ziemlich provinziell wirkt. Wer jedoch auf der Anreise zum Ahrtal die Augen offen hält, wird, was das Provinzielle anbetrifft, schnell eines Besseren belehrt.

Als Erstes macht uns auf der A61, kurz vor dem Ahrtal, ein schnurgerades Stück Autobahn stutzig. Der Mittelstreifen ist durchgehend betoniert, und die Leitplanke zwischen den Fahrbahnen sieht irgendwie ziemlich ärmlich aus. Spiddelig würde man bei uns im Ruhrgebiet dazu sagen.

Als Nächstes fällt uns die hervorragende Verkehrsanbindung des Ahrtales auf. Von der A61 führt eine Autobahn mitten zwischen die Weinberge. Sie mündet in eine vierspurig ausgebaute Bundesstraße. Wer oder was sollte hier auf dem schnellsten Wege rein- oder auch rausgebracht werden?

Die Antwort auf unsere Frage finden wir am Rande des Rotweinwanderweges hoch über dem Weindorf Walporzheim. „Dokumentationsstätte Regierungsbunker“ lesen wir auf einer Betonwand, die von zwei rostig braunen Gebilden flankiert wird, die sich als Eingang zu einem Museum entpuppen.

Dahinter lag einst der – Zitat – „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit“. 936 Schlafräume und 897 Büros, atombombensicher, verteilt auf gut 19 Kilometer Gänge unter den Weinbergen des Ahrtals.

Was da wirklich unter dem Tarnnamen ‚Rosengarten‘ von 1960 bis 1972 gebaut wurde, konnte man jedoch schon 1962 in der Zeitung lesen. Um die ganze Aktion vollends ad absurdum zu führen, gingen die Erbauer bei ihren Berechnungen von den Atombomben aus, die Ende des Zweiten Weltkrieges Standard waren. Dass deren Sprengkraft sich 20 Jahre später um ein Vielfaches gesteigert hatte, wurde einfach ignoriert. Et hätt noch emmer joot jejange, heißt es nicht umsonst im Rheinischen. Ist es ja auch; zum Glück. Der Bunker wurde nur für Übungen verwendet, war aber rund um die Uhr einsatzbereit.

Erst 1997 fiel der Beschluss, das Bauwerk aufzugeben. Nicht etwa wegen erwiesener Untauglichkeit, sondern weil Brandschutzexperten der Feuerwehr anrückten und bei der Besichtigung beinahe in Ohnmacht fielen.

Die Gänge wurden in den kommenden Jahren restlos entkernt. Nur zweihundert Meter des Bunkers blieben als Museum erhalten.

Wer jetzt dringend auf andere Gedanken kommen muss, sollte sich am Museumsausgang rechts halten und dem Rotweinwanderweg ahraufwärts folgen. Die Namensgebung des Weges verheißt Weinromantik pur. Etwas Beinarbeit wird aber auch gefordert, denn die Route führt, zum Beispiel in Marienthal und Rech, weit ins Tal hinunter und direkt danach wieder steil bergauf. Im Hochsommer können wir die Tour nur bedingt empfehlen. Schatten gibt es unterwegs nämlich kaum und auf den Schieferhängen herrscht glühende Hitze.

Ab Walporzheim wird das Ahrtal eng und bleibt es die meiste Zeit auch, bis wir Altenahr erreichen. Den Talboden teilen sich die Ahr, eine Straße, Bahngleise und ein Radweg. Weiter oben gibt es mehr Licht und auch etwas mehr Platz. Autos und Züge erscheinen aus der Höhe wie Spielzeuge.

In Altenahr endet nicht nur der Weinbau im Ahrtal, sondern auch der Rotweinwanderweg. Wir gönnen uns noch eine letzte Aussicht von der Burgruine Are. Dann steigen wir ins Tal hinunter. Doch wären wir mal besser auf dem Berg geblieben: Altenahr ist nicht wirklich eine Schönheit, denn entlang der Hauptstraße tobt der Bustourismus mit all seinen Nebenwirkungen.

Zu unserem Glück hat die Ahrtalbahn ein Herz für späte Wanderer wie uns. Obwohl es bereits nach 22 Uhr ist, bringt uns noch ein Zug zurück zu unserem Gespann in Dernau.

Am nächsten Morgen regnet es. Wir lassen es gemütlich angehen. Und weil weder Wandern noch Fahrradfahren bei Regen wirklich Spaß machen, entschließen wir uns zu einem Besuch im Museum ‚Römervilla‘ in Ahrweiler. Von vielen Anwesen aus der Römerzeit sind nur noch die Grundmauern erhalten. Was über der Erde stand, haben die Einheimischen nach dem Rückzug der Römer meistens abgetragen und für neue Gebäude verwendet. Die Römervilla in Ahrweiler fiel hingegen als Ganzes einem Erdrutsch zum Opfer. Erst 1980 wurde das Gebäude durch Zufall bei Straßenbauarbeiten entdeckt und in den folgenden zehn Jahren freigelegt. Einige Mauern waren sogar noch komplett, weil der Erdrutsch sie einfach umgekippt hat. Auch die Bemalung der Innenwände hat sich über fast zwei Jahrtausende
erhalten.

Natürlich ist das Ahrtal nicht in Altenahr zu Ende. Auf der Landkarte lesen wir die Namen der Orte weiter ahraufwärts: Dümpelfeld, Schuld, Fuchshofen, Müsch. Noch nie gehört.

Wir sind trotzdem weiter die Ahr hinaufgefahren, immer mit knappem Abstand vor einer anrückenden Gewitterfront. Als das Wetterleuchten intensiver wird, beschließen wir, den nächsten Parkplatz anzusteuern.

Gewitterfahrten mit unserem Oldtimer sind kein Spaß. Die im Vergleich zu modernen Autos winzigen Scheibenwischer unseres Mercedes-Oldtimers kapitulieren sehr schnell vor größeren Wassermassen.

Das Lampertstal ist ein Seitental der Ahr. Dort gibt es einen abgelegenen Wanderparkplatz, den wir von einer früheren Erkundung kennen. Da es inzwischen heftig blitzt und donnert, übersehen wir das eine oder andere hinderliche Verkehrsschild und sind in zehn Minuten da. Ich wende das Gespann und halte am Parkplatzrand, dort, wo wir nicht stören. Stützen raus, Gas aufdrehen, Hubdach hoch. Als ich schnell noch Navi und Handy aus dem Auto hole, fallen die ersten Tropfen.

Am nächsten Morgen kommt die Sonne wieder raus. Da wir schon mal hier sind, fahren wir nach Ripsdorf. Dort kennen wir eine Stelle, an der viele Orchideen blühen. Und wir werden nicht enttäuscht. Aber auch ohne Orchideen sind die Wachholderheiden einen Abstecher aus dem Ahrtal wert.

Im nahen Blankenheim entspringt die Ahr mitten im Ort. Da wollen wir hin. Wir holen die Fahrräder vom Autodach und rollen auf einem holprigen Waldweg das Lampertstal hinab, bis wir auf den Ahrtalradweg treffen. Der verläuft die meiste Zeit auf einer alten Bahntrasse und ist somit angenehm steigungsarm.

Hoch über Blankenheim thront die gleichnamige Burg. Sie hat eine lange Geschichte, war mittelalterliche Wehranlage, ein barockes Schloss und ist heute Jugendherberge. Wir lassen die Fahrräder an der Ahrquelle stehen und steigen über Treppen und enge Pfade den Berg hinauf zur Burg.

Was mir vom Ahrtal, neben der Landschaft, besonders in Erinnerung bleiben wird? Die Kalenderblätter mit Schloss Neuschwanstein und schneebedeckten Alpengipfeln in den ansonsten völlig schmucklosen Vierbettzimmern des Regierungsbunkers.

Und der Abdruck eines nackten Kinderfußes in einem Dachziegel der Römervilla, der vor fast 2000 Jahren entstand, als der Ziegel zum Trocknen in der Sonne lag. Dieser Fußabdruck ist das mit Abstand Anrührendste, das ich auf unserer Ahr-Reise gesehen habe und versöhnt mich wieder mit dem Wahnsinn des Kalten Krieges, dessen Spuren in Form von ehemaligen Bunkerein- und -ausgängen überall in den Weinbergen zwischen Ahrweiler und Dernau zu finden sind.

Infobox

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