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Städtetipp Nürnberg: Spurensuche

06.01.2024
Text: Sylvia Lischer | Bild: Gerhard Eisenschink

Die nähere Umgebung des Stadt-Campingplatzes in Nürnberg ist so spannend, dass man sich für Stunden und Tage darin und darum verlieren kann.

Ringsum ist alles grün. Gewaltige Eichen hängen ihre Äste in den Weiher. Auch Weiden und Schilfzonen sind zu sehen. Der Blick trifft auf Blesshühner, die mit ihrem Nachwuchs in Ufernähe vorüberpaddeln, im Hintergrund ziehen Enten und rosa Flamingos ihre Bahn. Flamingos? Hier, im Nürnberger Naherholungsgebiet Volkspark Dutzendteich? Ja! Zumindest, was die Form betrifft. Denn eigentlich handelt es sich um Tretboote in Flamingoform – man kann sie mieten und damit über den großen Dutzendteich fahren. Der mit Weihern ausgestattete Volkspark Dutzendteich liegt im Südosten von Nürnberg – der mit rund 530.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Bayerns.

Schrille Gegensätze sind die quietschigen Tretboote am Dutzendteich und dahinter die Nazi-Protzbauten des Reichsparteitagsgeländes.
Foto: Eisenschink

„Mehr Grün“ ist die Devise der Stadt, daher hat sie im letzten Jahr 500 Bäume gepflanzt und 43.585 Quadratmeter Wald gekauft. Über rund 80.000 Bäume verfügt Nürnberg bereits. Sie verteilen sich auf siebzehn Parks und Grünanlagen, fünf öffentlich zugängliche Gärten sowie Plätze, Inseln und Haine. Der Volkspark Dutzendteich, in dem die rosa Flamingo-Tretboote übers Wasser schaukeln, ist Nürnbergs größter Park – und mittendrin liegt der städtische Campingplatz, der Knaus Campingpark Nürnberg.

Nur rund fünf Kilometer von der Altstadt entfernt, ein idealer Ausgangspunkt für einen Städtetrip mit jeder Menge Besichtigungen und Aktivitäten im Nürnberger Zentrum. Zumindest theoretisch. Denn bereits im Volkspark Dutzendteich gibt es für Stunden und Tage jede Menge zu sehen und zu erleben. Da wäre zum Beispiel die „Große Straße“: sechzig Meter breit, böte sie genügend Platz für 16 Fahrstreifen. Aber da sie gerade mal 1,5 Kilometer kurz ist, scheint sie vollkommen sinnfrei das Parkgelände zu durchschneiden. Doch das unvollendete Monumentalwerk, heute unter anderem als Großparkplatz und Zufahrt zum Stadt-Campingplatz genutzt, hatte einst einen Sinn beziehungsweise sollte einen erschaffen.

1933 bis 1938 hielt das nationalsozialistische Regime seine Reichsparteitage in Nürnberg ab und verbreitete von hier aus seine Propaganda. Die Große Straße, ausgerichtet auf die mittelalterliche Nürnberger Kaiserburg, sollte als Paradestraße dienen und eine symbolische Verbindung zu den Reichstagen des Mittelalters schaffen – ein konstruierter Mythos, erfunden und in Szene gesetzt, um den NS-Staat zu legitimieren. Heute zirkelt ein Motorrad-Fahrschüler unter Aufsicht seines Fahrlehrers seine noch etwas wackeligen Runden über einen Teil der 60.000 Granitplatten, die bis 1939 hier für den Bau der Großen Straße verlegt wurden.

Im Volkspark Dutzendteich – einst Reichsparteitagsgelände – gibt es noch weitere NS-Monumentalbauten zu sehen. Hinter den rosa Flamingotretbooten auf dem Dutzendteich baut sich die Kongresshalle auf, ursprünglich konzipiert für 50.000 Plätze – fast doppelt so viele wie das Kolosseum in Rom. Der unvollendete Rohbau steht größtenteils leer.

Einen Raum beherbergt das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, in dem eine Ausstellung über die NS-Zeit informiert. Auch interessante Führungen gibt es. Und eine App, die man sich aufs Smartphone laden und damit das vier Quadratkilometer große Gelände erkunden kann. Station für Station liefert digitale Infos und Anschauungsmaterial. Mitunter wachsen virtuelle Säulen auf dem Smartphone-Display empor und anklickbare virtuelle Personen geben Auskunft über die Geschichte des jeweiligen Ortes.

Bildergalerie

Auf dem Zeppelinfeld bei Station 9 stapeln sich – real – Hunderte Autoreifen. Schwarze Gummispuren zeichnen den Asphalt, Arbeiter bauen Tribünen ab. Letztes Wochenende fand hier das Norisring-Rennen statt, eine der wichtigsten Veranstaltungen der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft. Mit rund 100.000 Zuschauern, über 200 km/h schnellen Fahrzeugen, Motorenlärm und protestierenden Klimaschützern.

Vor nicht mal neun Jahrzehnten jubelten hier die Massen dem auf der Zeppelintribüne stehenden Adolf Hitler zu. Bis zu 200.000 Menschen konnten sich auf dem Gelände versammeln. Für Masseninszenierungen, illuminiert von mehr als 150 Scheinwerfern, die senkrecht in den Himmel strahlten. 1935 wurden auf dem Zeppelinfeld die Nürnberger Rassengesetze verkündet, die zur Ausgrenzung und schließlich zur Ermordung von sechs Millionen Juden im Rahmen des Holocaust führten.

Die politischen Parolen sind längst verhallt. 1978 sang Bob Dylan auf dem Zeppelinfeld vor 80.000 Zuschauern sein Antikriegslied „Masters of War“. Zahlreiche Rock-, Pop- und Klassik-Konzerte schlossen sich über die Jahre im Volkspark Dutzendteich und dem angrenzenden Luitpoldhain an. Gräser und Wildblumen sprießen aus den Ritzen zwischen den Granitblöcken der Zeppelintribüne. Doch die monumentalen Relikte der NS-Vergangenheit lassen immer noch schaudern.

Mittelalterliche Impressionen

Bei Musik- und Rennsport-Veranstaltungen sowie Messen im nahegelegenen Nürnberger Messe- und Kongresszentrum sind auf dem Campingplatz im Volkspark Dutzendteich kaum Plätze zu bekommen. Heute ist es entspannt. Kein Auspuff wummert. Kein Lautsprecher dröhnt. Hier und da trällert ein Vogel. Ansonsten ist es still. Über den Uferweg des Dutzendteichs bewegen sich Spaziergänger, Radler und Inline-Skater. Vor dem Yacht-Club Nürnberg ankern Segelboote. Eine Einkehr im Biergarten der Traditionsgaststätte Gutmann muss sein, schon wegen des schönen Blicks auf Dutzendteich und Kongresshalle.

Dann geht es mit der nahe gelegenen Straßenbahn Linie 8 in die Altstadt. Vom südlich gelegenen Bahnhof gelangt man durch die fast vollständig erhaltene Stadtmauer ins Nürnberger Zentrum. Beim Blick auf Türme, Tore und Fachwerk könnte man kaum glauben, dass 90 Prozent der historischen Gebäude dem Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fielen. Hier der mittelalterlich anmutende Handwerkerhof, dort die stattliche Kaiserburg, dazwischen hochaufragende Kirchen und mit einladenden Gaststätten gespickte Plätze.

Besonders romantisch ist es entlang der Pegnitz, die sich von Ost nach West durch Nürnberg schlängelt. Zwischen Fleisch- und Maxbrücke sieht man eines der schönsten Fachwerkhäuser der Stadt, den Weinstadel. Auch sonst kommen hier die Eindrücke geballt: mittelalterlicher Wasserturm, Henkersteg, Henkerhaus, Kunstlädchen, Cafés, Kunstgalerien und das Bratwurstmuseum in der Bratwurstgasse 1.

Der Ludwig-Donau-Main-Kanal aus dem 19. Jh. ist noch heute in weiten Teilen erhalten und ist eine empfehlenswerte Radstrecke südlich der Stadt.
Foto: Eisenschink

Infobox

Info Nürnberg

Tourist Information: Auskünfte, Prospekte und originelle Souvenirs gibt es in der Tourist Information am Hauptmarkt 18. Eine kleinere Tourist Information findet sich im Handwerkerhof (Laden 10) in der Königstraße 82 (nahe Bahnhof). Info- und Service-Zentrale: Tel.: 0911-2336-0, tourismus@nuernberg.de, www.tourismus.nuernberg.de Infos: www.quartiere-nuernberg.de

Herumkommen: Wer vom Campingpark mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Nürnberger Altstadt möchte, muss zunächst einen kurzen Fußweg zu den Haltestellen zurücklegen: z. B. mit der S-Bahn (ab Nürnberg Frankenstadion, circa 15 min zu Fuß), U-Bahn (ab Messe, circa 20 min zu Fuß) oder Straßenbahn (ab Nürnberg Doku-Zentrum, circa 25 min zu Fuß). Infos unter www.vgn.de. Alternativ fährt man mit dem Rad, ein Radweg führt direkt am Campingpark vorbei. Im Stadtgebiet gibt es fünf Rad- und vier Tret-Roller-Vermieter, Infos über die Tourist Information.

Sehenswürdigkeiten: Das in der Nähe des Campingplatzes gelegene Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände präsentiert sich unter www.museen.nuernberg.de/dokuzentrum. Im Doku-Zentrum gibt es eine sehenswerte Interimsausstellung, Führungen, Infotafeln und einen Audioguide, den man sich schon vorab kostenlos herunterladen kann. Ebenfalls zum kostenlosen Download: eine App für die Erkundung des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes. Unter www.geschichte-fuer-alle.de findet man weitere Führungen zum Thema.

Neben dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände sollte man sich auch das Memorium Nürnberger Prozesse im Justizpalast ansehen (www.memorium-nuernberg.de). Hier erfährt man Wissenswertes zu den Nürnberger Prozessen (1945 bis 49). Besonders eindrucksvoll: die Medieninstallation „Zeitreise Saal 600“.

Nürnberg verfügt über viele weitere sehenswerte Museen wie z. B. Spielzeugmuseum, Albrecht- Dürer-Haus, Germanisches Nationalmuseum, Bratwurstmuseum usw. (www.museen.nuernberg.de). Wer sich mehrere Museen ansehen will, kauft sich die 48 Stunden gültigen Nürnberg-Card. Sie bietet auch freie Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmittel und weitere Vergünstigungen. Zu beziehen über www.tourismus.nuernberg.de.

Radtouren: Entlang der nahe des Campingplatzes gelegenen B 8 (Münchner Straße) kann man auf den Fünf-Flüsse-Radweg einschwenken, der in südliche Richtung zum Lorenzer Reichswald und Ludwig-Donau-Main-Kanal führt, in nördliche Richtung zu Pegnitz und Wöhrder See. Entlang der Pegnitz kann man auch Teile der Nürnberger Altstadt sehr schön erkunden. Der Nürnberger Zoo ist nur 2,5 km vom Campingplatz entfernt, www.tiergarten.nuernberg.de.

Der Maler Albrecht Dürer ist der bekannteste Sohn Nürnbergs und sogar als kleine Playmobil-Figur zu haben.
Foto: Eisenschink

Bekanntester Sohn der Stadt: der Maler Albrecht Dürer

Auf dem Weg durch die nördlich der Pegnitz gelegene Sebalder Altstadt gelangt man durch die Weißgerbergasse, in der besonders schöne Fachwerkhäuser zu bestaunen sind. Dann geht es hinauf zum Tiergärtnertor, einem Stadttor mit Turm aus dem 13. Jahrhundert. An warmen Sonnentagen sitzen hier Menschen in Freiluft-Cafés und -Restaurants, auf Bänken oder einfach auf den Pflastersteinen und genießen das Ambiente mit Blick auf die Kaiserburg und das Wohnhaus des berühmtesten Sohnes der Stadt: Albrecht Dürer.

80.000 Gäste besuchen jährlich seine ehemalige Arbeitsstätte in einem schmucken Fachwerkhaus. Der Name des 1471 geborenen Malers ist überall präsent. Gaststätten tragen seinen Namen. Es gibt eine Albrecht-Dürer-Straße, einen Albrecht-Dürer-Platz und ein Dürer-Gymnasium. Ja, sogar einen Albrecht-Dürer-Airport gibt es. Von seinem Haus aus konnte der Maler auf die Kaiserburg schauen. Sie thront auf einem langgestreckten Sandsteinfelsen und bietet einen phänomenalen Blick über die Stadt. Im Südosten ist auch der Volkspark Dutzendteich mit der Kongresshalle zu sehen.

Vor eineinhalb Jahren hat der Nürnberger Stadtrat beschlossen, in der monumentalen Rohbau-Ruine eine neue Spielstätte für das Staatstheater Nürnberg zu schaffen. Außerdem sollen sogenannte Ermöglichungsräume für Künstlerinnen und Künstler entstehen. Auf diese Weise will man die Entwicklung einer zukunftsgerichteten Erinnerungskultur mit den Mitteln von Kunst und Kultur initiieren. 78 Jahre nach Ende des Nationalsozialistischen Regimes scheint die Stadt endlich eine Verwendung für dieses unvollendete Zeugnis von Größenwahn gefunden zu haben. Albrecht Dürer würde sich für seine Künstlerkollegen freuen.

Knaus Campingpark Nürnberg
Foto: Eisenschink

Infobox

Campingmöglichkeit in Nürnberg

Knaus Campingpark Nürnberg: Hans-Kalb-Str. 56, 90471 Nürnberg, Tel: 0911/98127-17, nuernberg@knauscamp.de, www.knauscamp.de/nuernberg. Ganzjährig geöffnet. Mitten im Volkspark Dutzendteich gelegen – einer Naturoase mit Weihern im Süden Nürnbergs. Ebenes Wiesengelände mit alten und jungen Bäumen, umgeben von Mischwald. Grillstelle mit kleinem Seerosenteich. Spielplatz, Tischtennis. Freibad in der Nähe. 120 Stellplätze für Touristen, 10 für Dauercamper. Der Campingplatz hat auch Mobilheime im Angebot. ADAC-Vergleichspreis: 49,30 Euro. Achtung: Bei Messen oder Großveranstaltungen wie Rock am Ring ist der Campingplatz ausgebucht, daher Termine frühzeitig beachten.

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